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Was wir erreichen wollen

Nicht alles, was man in Frankfurt (Oder) braucht, kann man in Slubice kaufen. Zum Beispiel: Zukunft. Und nicht alles, was man in den beiden Grenzstädten vermutet, findet man dort. Zum Beispiel: Zusammenleben.



Frankfurt (Oder) schrumpft! Zwanzigtausend Frankfurter suchten ihre Zukunft lieber anderswo. Sechstausend Wohnungen stehen derzeit leer und werden Frankfurt zur Last. Im geschäftigen Slubice dagegen herrscht Wohnungsnot. Nichts stößt dort auf mehr Unverständnis, als der Abriss leerstehender Häuser auf der deutschen Seite der Oder. Und nichts schmerzt die Frankfurter mehr, als ihre Stadt Haus um Haus verschwinden zu sehen. Der Ort des lebendigsten Austausches zwischen Deutschen und Polen ist die Europa-Universität Viadrina. Wer aber erwartet hat, die Grenzstadt würde in den Vorlesungssälen zusammenwachsen, der sieht sich enttäuscht: die meisten deutschen Studenten fahren schon nachmittags zurück nach Berlin. Ihre polnischen Kommilitonen laufen nach Slubice. Wohnungen in Deutschland sind für sie meist zu teuer. Die Frankfurter selbst wiederum stehen der Universität skeptisch gegenüber und fühlen sich bei Entscheidungen die ihre Stadt betreffen, oft übergangen. Wir, Studenten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) haben zum 500. Gründungsjubiläum unserer Universität ein internationales, selbstverwaltetes Studentenhaus eröffnet: das »verbündungshaus fforst«.

An unserer Universität, deren Studenten zu einem Drittel aus Polen und vielen anderen Ländern der Welt stammen, ist die europäische Idee nicht abstrakt. Hier fängt Europa an! Gemeinsam mit dem Berliner Designkollektiv anschlaege.de haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, das " verbündungshaus fforst" in der Forststraße 3/4 zu planen und zu realisieren. Das Gebäude liegt auf halbem Weg zwischen Universität und Grenzbrücke. Von hier erreicht man die Grenze oder den Hörsaal zu Fuß in fünf Minuten.

Der Plattenbau aus den achtziger Jahren stand im Jahre 2006 fast völlig leer. Für seine neue Nutzung bietet er sich an: Die vier oberen Etagen bieten für 30 Studenten Platz zum Wohnen und Arbeiten. Seit den drei Jahren, die das " fforst" nunmehr besteht, haben schon viele " Fförster" hier gewohnt und das „fforst“ weiter wachsen lassen.

Die großzügigen Ladenräume im Erdgeschoss machen es möglich, das »verbündungshaus fforst« für Veranstaltungen und Seminare zu nutzen. Sie stehen jedermann offen. Die Eröffnung des Fforsthauses am 5. Juli 2006 war Teil des Festprogramms des 500. Gründungsjubiläums der Viadrina und ein großer Erfolg.Seit der Eröffnung haben hier schon unzählige Veranstaltungen stattgefunden. Die Mehrzahl der Events wird von den Fförstern organisiert, aber immer mehr wird die Eventetage auch von externen Gruppen genutzt, was der Idee des Hauses entspricht.Die Veranstaltungen bieten ein breites Spektrum: internationale Abende, Salsakurse, Workshops, Foto- und Filmpräsentationen, Konzerte, Ausstellungen, Eltern-Kind-Treffs, Stammtischgruppen, Spieleabende, studentische Partys und vieles mehr.

Mit dem »verbündungshaus fforst« ist ein Ort entstanden, wie es ihn bislang weder in Frankfurt noch in Slubice gibt. Hier kommt zusammen, was bislang sauber getrennt in verschiedenen Schubladen lag: Studenten und Berufstätige, Rentner aus Frankfurt an der Oder und Erstsemestler aus Frankfurt am Main, polnische Germanisten und deutsche Osteuropa-Experten. Im Verbündungshaus werden heiß diskutierte Themen vom Podium an den Küchentisch geholt.

Das »verbündungshaus fforst« soll als Modell wirken. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wird das Projekt offensiv kommuniziert. Es wird eine umfangreiche Dokumentation erstellt, die – in Form eines mehrsprachigen Buches und einer Wanderausstellung – in Europa unterwegs sein wird. Aber auch unsere Nachbarn in Frankfurt (Oder) werden über das Verbündungshaus auf dem Laufenden gehalten: neben den aktuellen Infos auf der Website hängen auch Plakate mit den aktuellen Veranstaltungen an der Eingangstür.

Als eine international zusammengesetzte Gruppe angehender Kulturwissenschaftler, Juristen und Wirtschaftswissenschaftler haben wir den »verbündungshaus fforst e.V.« gegründet. Der Verein ist Träger des Projektes. Ihm gehören neben den Bewohnern des Hauses auch Personen des öffentlichen Lebens an, die zum einen die Verbindung zwischen Studentenschaft, Universität und Stadt und zum anderen die Kontinuität und Handlungsfähigkeit des Vereins garantieren.

An der Vision des »verbündungshaus fforst e.V.« arbeiten wir gemeinsam mit unserem polnischen Partner, der Stiftung Collegium Polonicum und der Wohnungswirtschaft Frankfurt (Oder) GmbH.

Unterstützt und beraten wurden wir bei der Realisierung durch das Designkollektiv anschlaege.de. Die Berliner Gruppe trat in den letzen Jahren mit Projekten in die Öffentlichkeit, die sich u.a. mit der Umnutzung leer stehender Platten- bauten beschäftigten. »BAU AN!«, ein Projekt, das vorschlägt, Edelpilze in der Platte zu züchten, gewann den Wettbewerb »Shrinking Cities – Reinventing Urbanism«. Viel Aufmerk- samkeit fand auch »dostoprimetschatjelnosti«, die temporäre Nutzung eines Hochhauses in Berlin – Hellersdorf als Lebens– und Arbeitsraum für 50 Künstler, Architekten und Gestalter aus aller Welt. Die so gewonnen Erfahrungen lossen und fließen immer noch in das »verbündungshaus fforst« mit ein.


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